Panini in der Provinz

23. Dec 2014 von TAZ - Christian Görtzen

Der SV Alemannia aus Wilster hat ein Album aufgelegt, in dem alle 479 SpielerInnen der 24 Vereinsteams ihren Platz haben - als Sticker zum Sammeln.

ITZEHOE taz | Wer braucht hier schon einen Cristiano Ronaldo, diesen selbstverliebten Pfau mit dem Faible für aufgesetzte Gesten? Oder einen Lionel Messi? Oder einen Arjen Robben? Till Schmedtje ist das Maß aller Dinge. Auch Logan Anders ist überaus begehrt.

Der eine spielt in der Fußball-E-Jugend, der andere in der F-Jugend des SV Alemannia aus der 4.300-Einwohner-Stadt Wilster, die acht Kilometer westlich von Itzehoe zu finden ist. Zu Tills Leben gehört seit Kurzem die Nummer 402 dazu, zu Logans die 450. Es sind ihre Positionen in einem Sticker-Sammelalbum, mit dem der SV Alemannia Wilster derzeit für Furore sorgt. Panini in der Provinz – auf diese Weise lässt sich beschreiben, was sie beim SVA fertig gebracht haben. Genauso, wie es das italienische Unternehmen mit seinen Sammelalben bei Welt und Europameisterschaften seit Jahrzehnten praktiziert, so haben sie hier in Wilster, unweit der tiefsten deutschen Landstelle, ihr eigenes Fußball-Sammelalben gedruckt. Als erster Amateurverein.

479 Fotos von sämtlichen Spielern und Spielerinnen aller 24 Teams des Vereins – von der G-Jugend bis zu den Alten Herren – sowie von Vorstandsmitgliedern und Trainern haben darin ihren Platz, zugewiesen durch die jeweilige Zahl. 75 Cent kostet eine Tüte mit fünf Klebebildern.

„Etwa 65 Euro hat mich das bislang gekostet, aber das ist mir der Spaß wert. Viele fehlen mir nicht mehr“, sagt Henning Wilkens, Trainer der B-Jugend. „Mich hat das Sammelfieber gepackt. Es stellt sich ein Gefühl wie aus Kindheitstagen ein.“ In dem Punkt ist er nicht der Einzige an diesem kalten Abend im Dezember, an dem eigentlich das Training der Alten Herren der Fixpunkt sein sollte. In Wilster haben sich die Prioritäten jedoch ein klein wenig verlagert – ganz nach dem Motto, das mit dem Sammelalbum ausgegeben wurde: „Kleb Dir Deinen Traum.“

Und wie sie kleben, und vor allem: wie sie suchen! Eine komplette Mannschaft älterer Herren sitzt da im Klubheim zusammen, über ihren Listen, auf denen akkurat die Zahlenkombinationen stehen. Kugelschreiber und der obligatorische Stapel mit den doppelten Bildchen liegen bei jedem von ihnen griffbereit neben den Listen. Immer mal wieder wird mit einem Ausdruck des Vergnügens eine Zahl durchgestrichen, weil ein Tausch gelungen ist und im Album ein weiteres Bild den Platz im Rahmen einnehmen darf.

Es ähnelt einem Basar – aber ohne Feilschen. Ein Bildchen für ein anderes, so ist der Satz. Es wird munter gehandelt. „Eddy, wo sind deine Bilder?“, heißt es hier. „Frank, hast du Doppelte dabei?“, ist von dort zu hören. Ältere Männer, die auf Zahlen starren. Hin und wieder bricht leichte Verzweiflung hervor: „Wo ist bloß die 450, die suchen ganz viele. Ich glaube so langsam, die werden doch nicht in der gleichen Anzahl gedruckt?“, sagt Frank Goede mit einem Lachen. Es ist eine Anspielung auf Panini. Das Unternehmen steht bei jedem großen Turnier unter dem Verdacht, einige Bilder absichtlich seltener zu produzieren, um den Sammlern die Suche zu erschweren und ihnen dadurch mehr Geld für den Kauf von Tüten aus der Tasche zu ziehen. Panini verneint dies jedes Mal.

Beim Album des SV Alemannia Wilster ist Ralf Maron derjenige, der das zeit und kostenintensive Projekt in die Tat umgesetzt hat. Der 43-jährige Jugendobmann schwört Stein und Bein, dass die Bilder in der gleichen Stückzahl produziert werden. Zusammen mit dem Fotografen Marc Behmer machte er sich im Sommer an die Aufgabe. Eine Mannschaftskabine wurde zum Fotoatelier umfunktioniert. 7.000 Fotos schoss Behmer, fast 25 Stunden kamen für die Aufnahmen zusammen. Maron: „Wir haben mehr als 200 Stunden geackert. Ich habe nicht nur den zeitlichen, sondern auch den finanziellen Aufwand unterschätzt. Das wird in jedem Fall ein einzigartiges Projekt bleiben. Noch einmal halte ich das nicht durch.“

Die Inspiration zum Sammelalbum hatte Pamela Asmus, Mutter zweier Jugendspieler. Eine Werbung im Fernsehen hatte sie dazu gebracht. „Ich fand die Idee einfach süß. Hier sind jetzt alle völlig aus dem Häuschen, und wir Frauen tauschen jetzt unsere Männer, Söhne und Töchter wie wild untereinander. Nur in Stickerform versteht sich“, sagt Pamela Asmus.

Auf der anderen Seite des Tresens tauschen ältere Herren weiterhin munter die kleinen Bilder, streichen Zahlen durch und kleben. „Ich habe immer zu Welt und Europameisterschaften die Bilder gesammelt. Aber es ist doch einfach viel interessanter, wenn du noch einen aus dem Verein benötigst als einen x-beliebigen Nordkoreaner“, sagt Frank Goede, Vorstandsmitglied, Spieler, Obmann und Schiedsrichter des Klubs. „Auf so etwas habe ich doch mein Leben lang gewartet.“