„Ihr seid Muschis geworden!“ - Über die sogenannte Fußballsprache

25. Oct 2019 von Marten

„Ihr seid Muschis geworden! Muschis!“, rief Holger Badstuber beim Verlassen des Platzes dem Schiedsrichter zu, der ihn von diesem soeben verwiesen hatte. Teamkollege Mario Gomez verteidigte ihn darauf, das sei Fußballsprache und auf dem Platz würden noch viel schlimmere Sachen gesagt.

Das mag sein, aber das macht es nicht besser und legt ein tieferliegendes Problem offen.

Warum ist das Fußballsprache?

Die wenigsten würden Holger Badstuber, der in seiner Karriere eher durch guten Fußball und Verletzungen auf sich aufmerksam machte als durch laute deplatzierte und sexistische Äußerungen, nun einen Sexisten nennen. Im Affekt, voll mit Adrenalin, hat er in einer emotionalen Situation gesagt, was ihm gerade durch den Kopf ging: „Ihr seid Muschis geworden“. Übersetzt heißt das übrigens so viel wie „Ihr seid weich geworden“. Badstuber war für ein Foul mit Gelb-Rot vom Platz gestellt worden, das seiner Meinung nach nicht gelbwürdig — wenn überhaupt ein Foul — gewesen war.

Damit bediente sich Badstuber dieser sogenannten Fußballsprache, die nicht an sexistischen und homophonen Vergleichen (Mann = stark, Frau oder schwul = schwach) spart, sich jedoch leider in diesem „Männer“-Sport etabliert hat. So forderte Roman Bürki von Borussia Dortmund nach dem Unentschieden gegen Freiburg „Männerfußball“ von seiner Mannschaft — weniger skandalös, doch Symptom des gleichen Problems.

Ein Erbe von Bern?

Was Mario Gomez meinte: Im Fußball wächst man mit dieser Sprache auf und in sie hinein. In der E-Jugend macht man sich kaum Gedanken darüber, dass der eigene Pass „schwul“ genannt wird, weil er zu lasch gespielt ist, oder man nicht wie ein Mädchen in die Zweikämpfe gehen solle — man übernimmt es.

Auf der nassen und unebenen Wiese der Kreisliga zählen Grätschen, Körpereinsatz und Pferdelungen mehr als filetierende Pässe, Übersteiger und angeschnittene Schüsse. Allein diese vermeintlich deutschen Tugenden führten scheinbar zum WM-Titel 1954, dem Wunder von Bern. Echte Männer kämpften bei Regen die spielerisch überlegenen Schönspieler um Ferenc Puskás und Sándor Kocsis nieder: Eine Blaupause für sportlichen Erfolg, die sich auch auch auf die Sprache übertrug und auf den Sportplätzen etablierte (tatsächlich hatte auch Deutschland eine spielerisch sehr talentierte Mannschaft, deren attraktives Spiel nur im Vergleich mit der „Goldenen Elf“ der Ungarn abfiel).

Nur ein Jahr später verbot der DFB sogar offiziell fußballspielende Frauen im Sportverein: zu rau, zu unweiblich sei der Kampfsport Fußball, entgegen dem zärtlich weiblichen Gemüt. Die Attribute und Anforderungen an die Frau waren es stattdessen, für den Mann da zu sein, schön zu sein, ihn zu versorgen, wenn er Hunger hatte oder mit Wehwehchen vom Spiel kam.

Von der Pike auf

Erst seit 1982 gibt es eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen, die ist sogar weitaus erfolgreicher als die der Männer. Bis dahin war Fußball de jure ein Männersport und entwickelte eine entsprechende Abgrenzungs-Sprache zu eben jenen scheinbar weiblichen Attributen: eine Sprache also, die sich über die Abgrenzung von Frauen bzw. Weiblichkeit definiert - auch weil diese den Sport jahrelang nicht offiziell ausüben konnten. Doch wenn man sich Spiele der Frauen anschaut sieht man Fouls, Körpereinsatz, Grätschen, man sieht weniger Theatralik als bei den Männern und guten Fußball. Die Sprache aber ist geblieben. Vielleicht auch ein Abwehrmechanismus, weil sich der Fußball mittlerweile in seiner Männlichkeit bedroht fühlt. Denn in der gegenwärtigen Fußballergeneration, zu der auch Holger Badstuber gehört, ist jene Sprache noch Teil der fußballerischen Sozialisation. Als der mit fünf Jahren das erste Mal im Verein kickte, steckte der Frauenfußball, wenn auch nicht sportlich, aber medial und in der öffentlichen Wahrnehmung, noch in den Kinderschuhen.

Umdenken

Das soll seine Äußerung nicht legitimieren oder verharmlosen. Der Spruch war unnötig und sexistisch. Und besonders als Profi und ehemaliger Nationalspieler kommt ihm da noch eine besondere Verantwortung zu, der er nicht gerecht wurde, geschweige denn seiner Vorbildfunktion. Vor allem den Kindern und Jugendlichen gegenüber, die sich Woche für Woche auf den Plätzen nicht nur sportlich an ihren Idolen orientieren, sondern auch in ihrer Ausdrucksweise.

Sozialisation hin oder her. 60 Jahre nach 1954 gewann die Nationalmannschaft ihren vierten Titel mit traumhaftem Fußball und Schönspielern wie Mesut Özil, Mario Götze oder Toni Kroos. Zeit also, diese Fußballsprache, die Mario Gomez meint, endlich ad acta zu legen. Die Begriffe sind zudem leicht zu ersetzen: Es gibt andere, stilvollere Wege, den Schiedsrichter zu beleidigen, und anstatt des Männerfußballs könnte Roman Bürki das nächste Mal einfach “Mentalität” von seiner Mannschaft einfordern.